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Salafismus

Der „Salafismus“ ist eine Unterkategorie des Islamismus, gewissermaßen eine besonders strikte und unduldsame Strömung innerhalb des islamistischen Spektrums. Der Begriff des „Salafismus“ lehnt sich an das Selbstverständnis von Salafisten an, wonach Handlungen und Anschauungen des Propheten Muhammad und der drei nachfolgenden Generationen „rechtschaffener Altvorderer“ (Arab.: al-salaf as-salih) bereits jetzt und heute als verbindlich zu gelten haben und nicht erst dann, wenn ein „islamischer Staat“ errichtet worden ist. Die frühislamische Gemeinde (vom 7. bis 9. Jahrhundert unserer Zeit) wird nicht nur als das „Goldene Zeitalter“ des Islam idealisiert, sondern darüber hinaus als vorbildliche Richtschnur betrachtet, der detailgetreu und kompromisslos zu folgen ist. Dieser Rückwärtsgewandtheit der Salafisten hin zu einem vormodernen Lebenswandel liegt die Vorstellung zugrunde, dass das damalige „Goldene Zeitalter“ in der heutigen modernen Gesellschaft wiederholt werden muss, so dass dem Islam wieder zur alten Stärke verholfen werden kann. Voraussetzung hierfür ist aus salafistischer Sicht die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft nach dem Vorbild der frühislamischen Gemeinde. 

Ideologie des Salafismus

Salafisten verfügen über ein sehr einseitiges, stark polarisiertes Welt- und Menschenbild. Die Welt wird eingeteilt in gut oder böse, Menschen in gläubig oder ungläubig. Entsprechend dieser Zuordnungen erwartet den Menschen nach seinem Tod entweder das Paradies oder die Hölle. Zwischen dem einen und dem anderen Bereich existieren keine Übergänge. Intoleranz und Feindschaft gegenüber dem polarisiert Anderen werden durch unablässige Wiederholung in sogenannten Schulungen regelrecht „eingeimpft“. Die nachfolgend beschriebenen Grundsätze tragen maßgeblich zur Kultivierung dieses rigoristischen Welt- und Menschenbildes bei.

Das Tauhid-Prinzip

Im Islam bezeichnet der Begriff tauhid die Lehre von der absoluten „Einheit und Einzigartigkeit Gottes“ und meint in einem religiösen Kontext nichts anderes, als dass ein Muslim keine anderen Götter neben Allah stellen und verehren soll (Verpflichtung zum Monismus und Monotheismus). Das Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, in dem es heißt: „Es gibt keinen Gott außer Allah“, reicht im Islam für das Bekenntnis zum tauhid normalerweise aus. Nach der salafistischen Interpretation soll hingegen jedes Denken und Tun, bis hin zu den kleinsten Details im Alltag, von diesem tauhid „Zeugschaft ablegen“.

Rein weltliche Hobbies, Interessen und Vorlieben werden schon als Bruch mit dem tauhid gedeutet und als unislamisches Vergehen geahndet. Im politischen Kontext werden säkulare Prinzipien wie Demokratie, Volkssouveränität, Gewaltenteilung, etc. als unvereinbar mit der Alleinherrschaft Gottes abgelehnt. Parlamentarische Gremien und Gesetze werden als „von Menschenhand gemacht“ bewertet und mit Hinweis darauf, dass es allein Gott obliegt, mittels der Scharia den Menschen Gesetze zu verordnen, als nicht bindend betrachtet.

Abgrenzung vom Unglauben

Salafisten teilen deswegen die Welt in zwei gegensätzliche Lager: die „wahren“ Gläubigen, welche die einzig legitime Form der islamischen Religion vertreten, und die „Ungläubigen“, die pauschal als kuffar abgewertet werden. Jeder Mensch gilt als ungläubig, der vermeintlich gegen das tauhid-Prinzip verstoßen hat, weil er andere Dinge/Menschen/Götter „Allah beigestellt“ hat. Die „Beistellung“ wird als shirk bezeichnet. Je stärker ein Muslim sich diesem salafistischen Weltbild unterwirft, umso mehr wird er versuchen, seine Treue zum tauhid durch eine klare Abgrenzung zum „Unglauben“ zu demonstrieren.

Diese Zurschaustellung einer Loyalität zu Gott und einer Lossagung vom Unglauben wird im Arabischen als al-wala‘ wa’l-bara‘ bezeichnet. Was in einem religiösen Sinne als streng puristisch daherkommt (jede Berührung mit Ungläubigen zerstört bereits die Reinheit des Glaubens), wird im öffentlich-politischen Bereich als offene Ablehnung und gar Feindschaft ausgetragen, zum Beispiel mit Aufrufen zum Boykott von Wahlen oder zur Bekämpfung von Mitarbeitern der Justiz- und Sicherheitsbehörden.

Das Takfir-Prinzip

Das takfir genannte Prinzip verweist auf die Bereitschaft von Salafisten, andere Muslime vorschnell und ohne genaue Prüfung des Glaubensabfalls zu bezichtigen. Der arabische Terminus takfir bedeutet „Anklage wegen Unglaubens“. Es ist so häufig von Salafisten praktiziert worden, dass sie mitunter als „Takfiris“ bezeichnet werden. Da das islamische Gesetz für den Glaubensabfall die Todesstrafe bestimmt, wendete der traditionelle Islam dieses Prinzip nur mit äußerster Vorsicht und Seltenheit an. Erst der Wahhabismus hat dieses Prinzip seit dem 18. Jh. in großem Umfang in Bezug auf nicht-wahhabitische Muslime (zum Beispiel Sufis, Schiiten) praktiziert. Jihadistische Salafisten nutzen das takfir heute, um religiös und ideologisch Andersdenkende in anderen islamischen Glaubensrichtungen zu „Feinden des Islam“ zu erklären und somit Gewaltanwendung auch gegen Muslime religiös zu legitimieren.

Das Fremdsein-Prinzip

Dieses Prinzip beschreibt, wie sich Salafisten in ihrer – „ungläubigen“ – Umgebung selbst wahrnehmen, nämlich als Fremde. Das "Fremdsein" ist ein emotionaler Zustand, der auf Isolation, Absonderung, Verlassenheit und Andersartigkeit innerhalb der Gesamtgesellschaft verweist. Ein wahrer Muslim ist, wer in der eigenen gewohnten Umgebung fremd geworden ist. Erst dann ist man Gott wirklich nahe. Unter „Ungläubigen“ lebt ein Salafist als jemand, der unverdrossen und zum Unverständnis aller Mitmenschen Gottes Gebote dennoch aufrechterhält. Salafisten beziehen sich hierbei auf einen Ausspruch (hadith) Muhammads, der dessen Erfahrungen als Prophet Gottes unter den „Heiden“ Mekkas, die ihn erst anfeindeten und dann aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen, widerspiegelt. In dieser Identifizierung mit der mekkanischen Früh- und Leidenszeit des Propheten zeigt sich die eigene Wahrnehmung von salafistisch radikalisierten Menschen als Fremde in einer Welt, die vom Wege Gottes abgekommen sei. Wahre Muslime seien in der Minderheit – der Islam daher fremd.

Märtyrerkult

In ihrem Bestreben, den religiösen Eifer in der salafistischen Szene zu steigern, beschwören salafistische Prediger die Qualen des „Höllenfeuers“ und die unermesslichen Freuden des „Paradieses“. In diesem Jenseitsszenario wird jede kleinste Abweichung von Sunna und Koran als große Sünde deklariert, die mit drastischen Strafen am Tag des „Jüngsten Gerichts“ geahndet werden würde. Auch soll der Eindruck vermittelt werden, dass eine Rettung vor diesen Höllenstrafen nur durch blinden Gehorsam und Scharia-konformes Verhalten möglich sei. Eine solche Drohpädagogik hat vor allem das Ziel, in der Religion unerfahrene/unwissende junge Menschen zu einer bestimmten, das heißt zur salafistischen Lesart von Koran/Islam zu drängen und jedes eigenständige und selbstbestimmte Reflektieren über Religion zu unterbinden.

In jihadistischen Kreisen wird der Tod als Märtyrer (arab.: al-shahid) als das größte Opfer für den Islam dargestellt. Man interpretiert Hadithe des Propheten dergestalt, dass der Märtyrertod der kürzeste Weg ins Paradies sei – das heißt unter Umgehung des „Jüngsten Gerichts“ – und so von allen vorherigen Sünden befreit. Die versprochene Absolution aller begangenen Sünden ist auch ein Freibrief für kriminelle Vergehen im Namen des Jihads und für eine Brutalisierung, wie sie insbesondere bei Jihadisten des sogenannten „Islamischen Staates (IS)“ zu sehen waren.

Warum sind Islamismus und Salafismus verfassungsfeindlich?

Der Islamismus hat zum Ziel, eine theokratische Staats- und Gesellschaftsordnung zu errichten (Arab.: al-nizam al-islami), das heißt ein politisches System auf der Basis von Normen und Werten, die den kanonischen Texten des Scharia-Rechts entnommen sind. Diese Staats- und Gesellschaftsordnung unter der Herrschaft Gottes (Arab.: hakimiyyat Allah) soll unser demokratisch verfasstes Gemeinwesen ersetzen, das Prinzip der Volkssouveränität abschaffen, die Unabhängigkeit der Gerichte beenden, Meinungsfreiheit, Wertepluralismus sowie das Mehrparteienprinzip und das Recht auf Opposition aufheben.

Zahlreiche wichtige Ziele von Islamismus/Salafismus stehen im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie in folgender Übersicht deutlich wird:

Salafismus in Sachsen-Anhalt

Das verfassungsschutzrelevante salafistische Spektrum wird in die Kategorien „jihadistischer Salafismus“ und „politischer Salafismus“ unterteilt. Beide Strömungen teilen ideologische Grundlagen und die grundsätzliche Befürwortung von Gewalt. Die Übergänge zwischen ihnen sind fließend. Politische Salafisten vermeiden offene Aufrufe zur Gewalt, sie wollen die Gesellschaft von innen heraus durch Missionierung islamkonform umgestalten. Jihadistische Salafisten verstehen die islamische Religion als eine Ideologie, die es kompromisslos – und mit Gewalt – durchzusetzen gilt. Die von Gott vorgeschriebenen Regeln sollen über allem stehen. Die salafistische Ideologie steht damit im Widerspruch zu den in der Verfassung verankerten Grundsätzen der Volkssouveränität, der freien Religionsausübung und der Gleichberechtigung.

Die Zahl der Salafisten in Sachsen-Anhalt ist zuletzt gestiegen. Die Zunahme des Personenpotenzials zeigt, dass der Salafismus auf viele Menschen, die nach Orientierung suchen, nach wie vor eine starke Anziehungskraft ausübt. Regionaler Schwerpunkt salafistischer Aktivitäten ist Halle (Saale).

In den vergangenen Jahren traten in mehreren Moscheen vereinzelt Prediger auf, die eine salafistische Ideologie propagierten. In diesen Predigten wird häufig ein vermeintlicher Opferstatus der Muslime herausge­stellt. Damit soll bei den Zuhörern eine Schwarz-Weiß-Weltsicht geschaffen, Kampfbereitschaft geweckt und eine Art Wagen­burgmentalität („wir gegen den Rest der Welt“) zementiert werden. Daneben ist bei Salafisten auch eine Affinität für Verschwörungstheorien und Falschinformationen feststellbar. In ihren Predigten befürworten sie häufig die Einführung eines an der Scharia orientierten Strafrechtssystems zur Lösung aller Probleme, da die darin vorgesehenen drakonischen Körperstrafen Straftäter aus ihrer Sicht effektiver abschrecken würden.

Einzelne dem Salafismus anhängende Personen mit Wohnsitz in Sachsen-Anhalt, darunter Konvertiten, engagierten sich bei salafistischen Organisationen, die ihren Sitz und ihren Aktionsraum in anderen Bundesländern haben. So wurden außerhalb von Sachsen-Anhalt zum Beispiel Informationsstände dieser Organisationen betreut und Veranstaltungen der salafistischen Szene besucht.

Als neuere Entwicklung im Bereich der salafistischen Bestrebungen ist festzustellen, dass sich in den sozialen Medien salafistische Prediger zunehmend als „Influencer“ etablieren, denen inzwischen auch eine Relevanz im gesamten Bundesgebiet zugeschrieben werden kann. Salafistische Agitatoren nutzen für die Verbreitung ihrer Propaganda diverse Social Media-Plattformen, u. a. das Videoportal TikTok.